Abschließende Betrachtungen

Der Stand der Dinge

Die in den Kapiteln zur Versorgung, dem Transport, der Industrie und Bildung beschriebenen Entwicklungen und Situationen werden auf lokaler ländlicher Ebene - und speziell in den abgelegeneren Gebieten - sicher auch weiterhin zu erheblicher Emigration führen. Allerdings scheinen die Regierungsmaßnahmen in geringeren Emigrationsentfernungen zu resultieren, so daß jetzt zwar viele Personen migrieren, jedoch in der näheren Umgebung bleiben, womit die Bevölkerungsflucht in einigen Gebieten weitgehend abgefangen werden kann. Oft gibt es Arbeitsplätze in der Nachbargemeinde und Bildungseinrichtungen in der benachbarten Grafschaft. Diese Eingrenzung der Migrationsentfernungen sollte durch die Wohnungs-und Wirtschaftsplanung bewußt und mit allen Mitteln unterstützt werden.

Transport und Versorgung sind Gegenstand ständiger Kritik, und werden es voraussichtlich auch noch für einige Zeit bleiben. Dennoch wurden diese beiden Faktoren so gut wie nie als primärer Emigrationsgrund angegeben. Höhere Bildung und die Arbeitsplatzsuche, sowie in einigen Fällen fehlende Unterkunft (speziell bei Rückkehrern) bleiben die essentiellen Faktoren. Damit ist auch schon die enge Verbindung zwischen Emigration und Rückkehr angesprochen. Viele der zu Bildungszwecken ausgewanderten Jugendlichen wollen gern in ihre Heimat zurückkehren, können das aber nicht - mangels Arbeit oder Unterkunft (Wohnungsbau- und Wirtschaftspolitk). In den letzten Jahren wurden zahlreiche Mietwohnungen geschaffen, BTS-Häuser rekonstruiert und die Unternehmensbildung wurde erheblich gefördert (HIDB und HIE/WIE). Das verbesserte soziale Netz führt sogar stellenweise dazu, daß junge Erwachsene in der Heimatgemeinde verbleiben, obgleich sie nicht sofort nach Abschluß der Ausbildung eine Arbeit finden. Arbeitslosigkeit ist mit ca. einem Viertel der möglichen Arbeitskräfte ein ernstes Problem, unterliegt aber ebenso kurfristigen Schwankungen (Schließung und Eröffnung einzelner Großunternehmen wie z.B. Lewis Offshore mit 400 Angestellten), die im optimistischsten Falle als Chancen zu bezeichnen sind.

Mit der Reduzierung der erwähnten Emigrationsentfernungen werden die Heimatbesuche erleichtert, deren Häufigkeit wiederum eine wichtige Rolle bei Rückkehrentscheidungen spielt, da die Wahrscheinlichkeit, zufällig eine freie Arbeitsstelle im Heimatort oder dessen Nachbarschaft zu finden, deutlich steigt. Mit dem Anstieg der Arbeitsstellen in den peripheren Gebieten verringerten sich auch die Stellen in den urbanen Zentren. Dazu kommt der kürzliche Trend der eingangs erwähnten Counterurbanisation, die mit einer Aufwertung des ländlichen Lebens gegenüber dem nicht mehr als so attraktiv bewertetem und hektischen Großstadtleben einhergeht. Damit bleibt eine begrenzte Migration zwar Bestandteil des Lebenszyklus, oft ist jedoch die Rückkehr schon eingeplant.

Neben der Migration aus wirtschaftlichen Gründen gibt es auch noch - abgesehen von der "bright light"-Theorie - die Emigration aus Gründen mangelnder Integrität. Viele Jugendliche stellen die sie umgebenden Wertesysteme und Ideologien in Frage (beginnend mit der Problematik des allsonntäglichen Kirchganges bis hin zur nachbarschaftlichen "Überwachung" in den kleinen Gemeinden) und wollen sich selbst auf dem "Weltmarkt" versuchen. Die enge Einbindung der Individuen in den abgelegenen Gemeinden ist natürlich eine Quelle der Selbstsicherheit der älteren Menschen (Einfluß der Kirche), gleichzeitig funktioniert sie aber auch - aus verständlichen Gründen der Selbsterhaltung - als Überwachungssystem und führt damit zur Verringerung der Privatsphäre, die ein wichtiger Bestandteil des Lebens in der (post-)pubertären Phase vieler Menschen ist, die eigene Lebensstile finden wollen. Sewel schreibt: "Highland society is not always as censorious as its reputation implies; but it is certainly watchful and omniscient and thus can be particularly stifling to young people." Gespräche mit jüngeren/jugendlichen Gemeindemitgliedern ergaben, daß bei der Trennung von Glauben und Institution "Kirche" letztere in die Kategorie "Tradition" eingegliedert wird, der Glauben jedoch ist etwas aktuelles eigenes. An dieser Stelle wäre eine repäsentative Umfrage in den verschiedenen Gebieten der Western Isles interessant, um eventuelle Gegensätze zwischen verschiedenen Inseln aufzudecken, oder vielleicht sogar die gehörten Meinungen zu verifizieren.

Hinsichtlich der Emigration von Jugendlichen gibt es noch die von Brox unterbreitete Theorie, daß die Auswanderung von Jugendliche aus den oben erwähnten Gründen oft improvisiert und daher reversibel ist. Vorübergehende Arbeitssuche, das Sich-Ausprobieren und wechselnde Kurzzeitanstellungen führen die Jugendlichen von Ort zu Ort, ein großer Teil kehrt jedoch zurück. Einmal emigriert heißt nicht für immer weggezogen; nicht sofort nach der Ausbildung die Inseln zu verlassen bedeutet nicht, den Zug verpaßt zu haben. Die moderne mediale Technik ermöglicht ständige Vergleiche und somit ein kontinuierliches Abwägen zwischen den Vorzügen und Nachteilen der verschiedenen Wohnorte und Gebiete.

Wirtschaftspolitische Einflüsse und Abhängigkeiten

Trotz zunehmender finanzieller als auch verfahrenstechnischer Unterstützung durch Organisationen und Institutionen ist die derzeitige Situation auf den Äußeren Hebriden nicht als stabil zu bezeichnen. Trotz vieler Verbesserungen in den letzten Jahren besteht noch immer Grund zur Unzufriedenheit, speziell in abgelegeneren Gebieten. Organisationen wie das HIDB spielen - von außen betrachtet - eine wichtige Rolle, jedoch für die Einwohner ist die Zahl und Funktion der vielen Einrichtungen genauso verwirrend wie teilweise entmutigend. "Unterstützen" und "Helfen" stehen dicht neben (gewaltsam) "Verändern" und kulturellen Verlusten. Die Einwohner sehen "sie" (die äußeren Einflüsse) als ein bürokratisches Etwas, das "uns" (die lokale Gruppe) etwas aufdrängt (vgl. Zitate S. *). Entscheidungsquellen sind für die Gemeinden weniger wichtig als die unmittelbaren Folgen oder Veränderungen. In einigen Fällen (Verringerung der "fahrenden Läden" nach der Erhöhung der Benzinpreise) scheint die Lebensfähigkeit und Lebenqualität der Bewohner einzelner Gemeinden jenseits jedweder Verantwortung zu liegen. Das heißt, Veränderungen, die unter normalen Umständen wahrgenommen und für gut oder weniger gut befunden werden, können in den peripheren Gebieten zu veränderten Migrationsraten führen und über die Bewohnbarkeit eines Landstriches entscheiden. Darauf sollte in der Politik der Zentralregierung weiterhin und noch mehr Rücksicht genommen werden. Folglich sollten bisher zentrale Entscheidungen noch mehr in die Hände der lokalen Regierungen gelegt werden, als das bisher, z.B. mit der Einrichtung des WIIC (1975), geschehen ist. Letztendlich kann eine Institution, die genaue Kenntnis über die Situation eines Gebiets und die Struktur der Bevölkerung hat, viele Entscheidungen aufgrund dieses Wissens besser treffen, für Zentralregierungen unvorhersehbare Folgen eher kalkulieren und auch einschätzen, was die Gemeinden brauchen und was nicht. Man könnte auch überlegen, ob die zentrale Verwaltung durch den WIIC für die südlicheren Inseln eigene Verwaltungsräume "vor Ort" haben sollte, oder ob für eine Entfernung von immerhin über 100 km regelmäßige Besuche und Telefonvebindungen ausreichend sind. Es gibt jedoch auch Argumente gegen diese weitere Untergliederung. Eine zu starke Gliederung der Verwaltung hemmt den Informationsfluß beträchtlich und produziert Mehraufwand und höhere Kosten.

Die Struktur der Institutionen bedarf auf verschiedenen Ebenen noch einiger Nachbesserungen. Ein "Landwirtschaftsministerium" (DAFS), in das die Forstwirtschaft nicht eingebunden ist, wo die Fischerei eine Vielzahl eigenständiger und teilweise konkurrierender Institutionen umfaßt (Herring Industry Board, White Fish Authority etc.) ... der Verwaltungsapparat wächst, ohne daß daraus proportionale Verbesserungen erwachsen. Trotz einiger positiver Tendenzen möchte man noch immer von begrenzt organisierter Verwaltung sprechen. Abgesehen von der Konkurrenz (zwischen teilweise non-profit-Unternehmen/Institutionen) erwächst aus diesem Zustand natürlich auch ein Kommunikationsdefizit, was entsprechende Folgen nach sich zieht (Verschleppung von Anträgen, Terminprobleme, Informationsmangel etc.).

Die zunehmenden Budgetkürzungen für die lokalen Regierungen sind - ähnlich der Situation in den neuen deutschen Bundesländern 6 Jahre nach der Wiedervereinigung - nicht dazu geeignet, den angestrebten Aufschwung bzw. das noch nicht einmal abgefangene Sinken der Wirtschaft positiv zu beeinflussen. Die Zahlen zeigen deutlich, daß langfristige Unterstützung dringend notwendig bleibt, wenn positive Entwicklungen gefördert werden sollen. Dabei muß abgesichert werden, daß die Besonderheiten der jeweiligen Gebiete und ihrer Bewohner, seien sie kultureller oder anderer Art, nicht übergangen oder auch nur vernachlässigt werden. Lokale Kenntnis bis auf die individuelle Ebene sind bei solchen Veränderungen unabdingbar, nicht nur zur Vermeidung häufiger Mißverständnisse, sondern vor allem zur Lösung von Konflikten, Problemen und zur Findung so häufig notwendiger Kompromisse. Die Demographie der Äußeren Hebriden benötigt zu ihrer Stabilisierung organisierte, langfristige, planvolle Führung und Verwaltung, keine einzelnen Gesten der Großzügigkeit, mit denen eine Lokalregierung nur Löcher stopfen aber nicht vernünftig arbeiten kann. Es werden z.B. im Straßenbau und Transportwessen immer noch Anträge (u.a. an die EC) für einzelne Brücken, Dämme etc. gestellt. Die Unterstützung durch die EC wird bei diesem langfristigern Vorgehen weiterhin eine bedeutende Rolle spielen, kann aber auch nur dann vollständig wirksam sein, wenn diese Unterstützung auf regionaler und lokaler Ebene entsprechend empfangen und mit geringsten Verlusten weitergeleitet wird.

Die verschiedenen Finanzierungspläne über Darlehen und Zuschüsse sind nach wie vor schwer zu überschauen. Allein für einzelne wirtschaftliche Gebiete (z.B. Crofting) gibt es eine Unmenge von Unterstützungen, die einzeln betrachtet nicht besonders weit helfen, nur wenn man mehrere kombiniert und allen Anträgen zugestimmt wird, dann bestehen Erfolgsaussichten (für z.B. die Sanierung eines BTS-Hauses). An dieser Stelle muß man sich fragen, ob diese Gelder nicht auf irgend eine Weise von einer Organisation (mit Rechenschaftspflicht) verwaltet werden können. Ansatzweise hat das WIE diese Funktion inne. Aber es gibt noch zu viele Quellen und Programme, die vom WIE ungesehen auf den Verbraucher einstürzen oder aber auch von diesem übersehen werden

Ziele und Prognosen

Für die Äußeren Hebriden besteht das Hauptziel natürlich in der demographischen Stabilisierung. Das heißt, die Alterstruktur muß ausbalanciert werden, dabei helfen Bildungspolitik und die Schaffung von lokalen Arbeitsplätzen und Wohnungen. Weiterhin muß unter Beibehaltung der "normalen" Alterstruktur eine der Fläche der Inseln entsprechende sinnvolle Bevölkerungszahl angestrebt werden, die es zu festigen gilt. Dabei müssen die vor allem im kostenintensiven Transport, den klimatischen Bedingungen und infrastrukturellen Verhältnissen bestehenden Hindernisse mit großzügigeren und langfristigen Finanzierungsprogrammen überwunden werden. Dabei ist Zusammenarbeit gefragt, nicht Konkurrenz und Zersplitterung.

Unter den gegebenen Umständen ist es schwer Voraussagen zu treffen. Die wenigen etwas urbaneren Gebiete auf den Hebriden werden sicher weiter wachsen. Ebenso sicher werden einige kleinere Gemeinden weiterhin Einwohner verlieren. Ob jedoch (abgesehen von lokaler Migration) ländliche Abwanderung oder Zuwanderung überwiegen wird, ist unsicher. Die Anfang der 80er scheinbar aufgefangene Kurve für die Bevölkerungszahl sinkt zwischen 1981 und 1991 wieder, grobe Schätzungen für Mitte der 90er bestätigen diesen Verlauf.

Wirtschaftsexperten sprechen von weiterem Wachstum des Dienstleistungssektors und des Tourismus, die Ökonomie wird jedoch als "very depressed" bezeichnet (1990), "future short and medium term prospects ... are not good." und "Overall, we do not anticipate significant employment growth in the area." Bewundernswert in diesem Zusammenhang scheint mir der Optimismus, mit dem die Inselbewohner zum großen Teil an die schwierigen Aufgaben herantreten und diese unter nicht selten sisyphusähnlichem Aufwand zu bewältigen suchen. Hierbei ist, denke ich, die Tradition, nicht zu verzweifeln, Ruhe zu bewaren und zu hoffen von einiger Wichtigkeit und von außerordentlichem psychologischen Nutzen.

Allerdings sollte diese Herangehensweise an Probleme und diese Mentalität nicht dahingehend ausgenutzt werden, daß die Finanzierungsprojekte gekürzt oder gestrichen werden. Der Regierung muß die Situation vor Ort noch konkreter vor Augen geführt, die Dringlichkeit bestimmter Vorhaben und der dazu benötigten Mittel hervorgehoben werden.

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